Interview mit Dr. Karl Böhmer

2016 veröffentlichte Dr. Karl Böhmer die Ergebnisse seiner Forschung im Bereich der südafrikanischen Missionsgeschichte. Wir stellten ihm einige Fragen zu seiner Forschung sowie zum Werdegang seines Buches.

Was hat dich dazu bewegt, eine Dissertation zu verfassen?

Ich wollte schon sehr lange promovieren. Ich bin damals mit sehr jungen Jahren ins Amt gekommen und hatte ursprünglich vor, weiter zu studieren. Das war damals nicht möglich, wurde aber später dadurch möglich, dass ich in den USA eine Gemeinde betreuen durfte, die mir die Freiheit erlaubte nebenbei zu studieren.

Was sind die genauen Schritte auf dem Wege zum Dr. der Theologie?

Von Land zu Land ist das unterschiedlich. In den USA ist es so, dass zu dem Dissertationsverfahren an sich auch intensive Vorlesungen dazugehören – quasi ein ganzes Studium, welches etwa zwei Jahre dauert. Nach den Abschlussprüfungen ist der Weg frei, sich für die Dissertation zu melden.

Warum August Hardeland?

Ich wollte gern über unsere eigene Kirchen- und Missionsgeschichte hier in Südafrika arbeiten und wandte mich an einen Experten für dieses Gebiet aus der SELK – Dr. Hartwig Harms, der lange in Äthiopien Missionar war. Er schlug das Thema „August Hardeland“ vor – der erste Superintendent der Hermannsburger Mission. Nach Meinung von Dr. Harms war das ein unzureichend bearbeitetes Feld und meine Arbeit hat das tatsächlich auch so bestätigt. Im nachhinein war dieses Thema also äußerst sinnvoll.

Hattest du vorher schon von August Hardeland gehört?

Nein.

Worum geht es in deiner Untersuchung?

Es stellt sich folgende Frage: Wenn die Kolonisten (d.h. die Laien, die von der Mission mitausgesandt wurden, um der Mission als Handwerker zu dienen – unsere Vorfahren also) Louis Harms vor dem Altar in Hermannsburg (Deutschland) einen Eid leisten, lebenslänglich der Mission zu dienen, nach Südafrika kommen, jedoch danach nach etwa 15 Jahren nicht mehr im Dienst der Mission sind – wie erklärt sich das?

Und was war das Ergebnis dieser Untersuchung?

Dass die herkömmlichen Erklärungen für diese Tatsachen längst nicht ausreichen, um den Werdegang zu erklären, und dass viele Konflikte in dieser Zeit stattfanden, infolgedessen die Kolonisten sozusagen „rausgeekelt“ wurden (wobei August Hardeland eine große Rolle spielte); das Modell von Louis Harms erwies sich als unrentabel – aber eben auch der Konflikte wegen! Daher ging es mit den Kolonisten leider frühzeitig zu Ende.

Welche Auswirkungen hatten diese Konflikte auf den weiteren Verlauf der Geschichte?

Es sind sehr viele! Die wichtigste Auswirkung ist meiner Meinung nach diese: Die Kolonisten verließen im Zuge dieser Konflikte die Mission und waren daher nicht mehr Teil von ihr. Nun gründeten sie selbständige, deutsche, weiße Gemeinden in Afrika (bis dahin waren sie Mitglieder der Mission und feierten in den Missionskirchen ihre Gottesdienste). Es fand also in ihren Köpfen – sozusagen mentalitätsgeschichtlich – eine Trennung statt zwischen „Kirche“ und „Mission“; wir sind die Kirche und da drüben ist die Mission… Doch unter Louis Harms bildeten Kirche und Mission immer eine Einheit. Selbstverständlich unterstützten die ehemaligen Kolonisten nach Kräften weiterhin die Mission, aber für sich führten sie nun ein eigenes Dasein.

Beim Lesen deines Buches wurde mir klar, wie leidenschaftlich du zur Sache gehst! Was bedeutet diese Untersuchung für dich persönlich?

Es ist schlicht und einfach eine Existenzfrage! Nicht nur persönlich, sondern auch was meine Kirche betrifft. Denn es ist immer noch einzigartig, dass es hier im südlichen Afrika diese kleine Kirche gibt, die bislang überwiegend deutsch geblieben ist (und das schon über 150 Jahre), im Gegensatz zu den Entwicklungen in Australien und Nord-Amerika und Brasilien. Es war ja nicht die Absicht von Louis Harms, der Immigration zu dienen. Südafrika war nicht das große Ein- bzw. Auswanderungsland (wie die USA zum Beispiel). Das bedeutet, dass meine Vorfahren hierher gekommen sind eben weil sie der Mission dienen wollten – das trifft tatsächlich auf die meisten Väter und Mütter der FELSISA zu! Ich denke, wir haben das leider ein bisschen aus den Augen verloren. Mission ist das Leben der Kirche, die „Kirche in ihrer Bewegung“ wie Wilhelm Löhe das so schön sagt. Es ist mir eine leidenschaftliche Sache, dass wir die Distanz, die wir teilweise zur Mission haben, wieder aufheben.

Was bedeutet diese Untersuchung für die FELSISA heute? Was können wir daraus lernen?

Dass es geschichtliche Gründe gibt für die Trennung zwischen uns und der LCSA; das Gleiche trifft auch auf die ELKSA-NT zu und ihr Verhältnis zu den schwarzen ELCSA Gemeinden. Wir sollten uns diese Entwicklung vergegenwärtigen, aber auch neu danach gucken wie wir heute darangehen. Wir müssen neu denken über unsere Existenz hier: welche Gaben haben wir von Gott empfangen und wozu sollen wir sie einsetzen? Warum sind wir hier in Südafrika? Welche Aufgaben haben wir?

Wie haben die Gemeindeglieder der FELSISA bislang auf deine Ergebnisse reagiert?

Im allgemeinen bin ich auf Empfangsbereitschaft gestoßen, auf eine sehr freundliche und fröhliche Aufnahme der Ergebnisse, auch auf Schock und Trauer – man wurde erinnert an die Versprechen, die die Alten gemacht haben, die dazu führten, dass unsere Familien hier sind. Ich denke es ist eine Bereitwilligkeit da, die eigene Geschichte neu aufzuarbeiten. Darüber freu ich mich sehr! Es sind auch einige, die eher skeptisch sind, was ich auch verstehen kann.

Fakten ändern das Verständnis der Vergangenheit.

Hab ich recht?

Auf jeden Fall! Hier sind es eben Tatsachen, die unter den Teppich gekehrt wurden. Aber wenn man sich die Tatsachen neu angucken kann und man sich bewusst wird, was da vor sich gegangen ist, dann wird einem einerseits die Tragik der Geschichte sehr bewusst, andererseits weckt es aber auch Verständnis für unsere Lage heute und lädt dazu ein, neu über diese Sachen nachzudenken.

Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass wir als Bekenntnislutheraner dieses schwierige Thema der Rassentrennung ansprechen und nicht davor weglaufen?

Als Bekenntnislutheraner sind wir im Bekenntnis der Kirche verwurzelt. Was ist dieses Bekenntnis? Es ist das Bekenntnis von Jesus Christus, der in der Geschichte wirkt und in der Kirche aktiv ist – auch bis heute. Wir denken von der Buße und von der Vergebung Jesu her. Gerade wir Bekenntnislutheraner haben die besten „Werkzeuge“, die beste Theologie um von Vergebung und Versöhnung zu reden! Hier stellt sich die Herausforderung, dass wir das auch tatsächlich tun und umsetzen! Dass wir den schmerzlichen Ereignissen der Vergangenheit fest ins Auge sehen, aber dann eben auch mit unseren schwarzen „Bekenntnisgeschwistern“ neu das Verhältnis aufbauen, dass wir auch wirklich das sind, was wir vorgeben.

Welche Aspekte der Geschichte der FELSISA (und der Mission) sollten deiner Meinung nach in Zukunft noch bearbeitet werden? Hast du weitere Forschungs-projekte im Blick?

Das kommt drauf an, ob ich die Erlaubnis meiner Frau bekomme (lacht!). Es sind auf jeden Fall mindestens zwei große Punkte aus der Geschichte der FELSISA, die aufgearbeitet werden müssen: einmal die Trennung von den Hermannsburgern (heute ELKSA-NT) vor 125 Jahren, und dann zweitens die gescheiterten Wiedervereinigungsversuche in den 1920gern. Gerade hier wäre es wichtig, Fakten zu schaffen, um Missverständnissen vorzubeugen, von denen es leider mehr als genug gibt, und um uns mit dem auseinanderzusetzen, was den Weg unserer bekenntnislutherischen Kirche geprägt hat.

Herzlichen Dank fürs Gespräch und Gottes Segen weiterhin für alle Forschungsarbeit!

(Das Buch, erschienen in der Reihe „Oberurseler Hefte Ergänzungsbände“ bei Edition Ruprecht, ist bei Dr. Böhmer direkt erhältlich.)

Pastor Roland Johannes, Wartburg

 

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