Was lehren die Lutherischen Bekenntnisschriften über den Freien Willen?

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Wir glauben, lehren und bekennen… Was lehren die Lutherischen Bekenntnisschriften über den Freien Willen?

Zwei Personen hören dieselbe Predigt – die eine glaubt, die andere nicht. Warum? Wie kann der Unterschied erklärt werden?

Mit dieser Frage ist man bei dem bedrängendsten theologischen Rätsel angekommen, nämlich bei der Angelegenheit vom „Freien Willen“, die wiederum eng verbunden ist mit der Thematik von der Erwählung.

Eine Möglichkeit, die obige Frage zu beantworten, ist um zu sagen, dass es Gott gefallen hat, der einen Person den rettenden Glauben zu schenken, während er der anderen Person keinen Glauben geben wollte. Diese Sicht nennt man die ‚doppelte Prädestination‘, weil von Gott gesagt wird, dass er vorherbestimmt, wer als Glaubender in den Himmel und wer als Ungläubiger in die Hölle kommt. Dies wurde von Johannes Calvin gelehrt und ist bis heute die offizielle Stellung der Reformierten Kirche. In der Zeit der Reformation hat Luther ebenfalls mit dem damals berühmtesten Gelehrten Erasmus von Rotterdam bitter über diese Sache gestritten. Luther begriff schnell, dass dies eine zentrale Angelegenheit des Evangeliums ist und nicht nur eine unbedeutende Sache. Er hat später gesagt, dass sein Buch „Vom geknechteten Willen“, das er über diese Thematik geschrieben hat, eine seiner wichtigsten Schriften sei, und – falls alle seine Bücher verbrannt würden – er zufrieden sei, wenn nur dieses Buch und der Kleine Katechismus übrig blieben.

Aber warum sollte Gott wollen, dass Menschen zur Hölle gehen? Das wäre doch völlig unnatürlich. Und so ist es auch. Offensichtlich muss der Unter-schied darum bei den Menschen liegen – die eine Person muss Jesus als ihren Erlöser angenommen haben während die andere ihn verworfen hat. Das wird allgemein als ‚Entscheidungstheologie‘ bezeichnet, da die Entscheidung der Person ausschlaggebend ist. Dies wird von Arminius gelehrt und heutzutage von vielen Kirchen vertreten mit ihren charakteristischen Altaraufrufen („Komm nach vorn und nimm Jesus an“). Aber dabei wird die Rettung letztlich abhängig gemacht von einer menschlichen Tat – und dann ist man eben nicht mehr gerettet allein aus Gnade, sondern aufgrund seiner eigenen Entscheidung.

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Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Epheser 2, 8-10

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Wie beantworten nun die Lutheraner diese Frage warum die eine Person glaubt und die andere nicht? Sie beantworten diese Frage damit, dass sie sagen: ‚Wir wissen es nicht!‘ Es ist ein Geheimnis, das man nicht verstehen kann. Denn einerseits lehrt die Bibel eindeutig, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1. Timotheus 2, 4; 2. Petrus 3, 9), während sie andererseits der Person, die das Evangelium verwirft, die Schuld dafür gibt (Jesaja 5, 24; Jeremia 8, 9; Johannes 1,11; Johannes 12, 48).

So stehen wir vor einem Paradox: Wir haben nicht die Freiheit, Christus anzunehmen, aber wir haben die Freiheit, ihn abzulehnen! Das ist ebensowenig logisch wie die Dreieinigkeit Gottes (1+1+1=1), oder die wirkliche Gegenwart Christi im heiligen Abendmahl, oder dass Gott in Jesus Mensch wurde, oder dass wir Sünder und Gerechte zugleich sind. Das ist der Grund warum Paulus von den Geheimnissen des Glaubens spricht (1. Timotheus 3, 9). Sie sind Geheimnisse im wahrsten Sinn des Wortes, nämlich unlösbar. Darum konnte die alte Frage warum Abel von Gott gnädig angesehen wurde aber Kain nicht (siehe 1. Mose 4, 3-5) von Anfang an nicht beantwortet werden. Die Versuchung ist groß, um nach einer Lösung von diesem Paradox zu suchen, aber die einfache Wahrheit ist, dass Gott die Antwort auf diese Frage nicht offenbart hat. So unbefriedigend es auch für uns ist, die Antwort heißt: ‚Ich weiß es nicht.‘

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Er machte uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist. Titus 3, 5

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Bis jetzt ging es bei der Angelegenheit vom freien Willen um unser Verhältnis zu Gott in geistlichen Dingen. Wir haben aber in Bezug auf weltliche Dinge einen freien Willen – wir sind schließlich keine Roboter! Wir haben die Freiheit zu wählen, was wir früh-stücken, welche Kleider wir anziehen und welches Auto wir fahren. Gott hat allen Menschen die Freiheit der eigenen Wahl gegeben. Aber diese Freiheit gilt nur in Bezug auf die ‚Dinge von unten‘, nicht aber für die geistlichen Angelegenheiten.

Was alles noch verwirrender macht ist, dass die Schrift auch davon spricht, dass man fähig ist mit dem Heiligen Geist ‚zusammen zu arbeiten‘ oder Gott ‚gehorsam‘ zu sein (Epheser 4, 22-24; Philemon 1, 21). Aber das gilt immer nur für solche Personen, denen der Glaube bereits geschenkt wurde. Vorher waren sie blind und in Finsternis, nun aber leben sie in dem herrlichen Licht Gottes (Epheser 5, 8-10; vergl. auch Epheser 2, 1-22). Nach der Wiedergeburt kann man aktiv als Christ leben. Jetzt wird auch die christliche Disziplin wichtig: Man kann sich entscheiden, am Sonntagmorgen zum Gottesdienst zu gehen anstatt zum Einkaufen. Man kann sich entscheiden, die Bibel und die tägliche Andacht zu lesen oder es nicht zu tun. Deshalb konnte auch Mose die Israeliten (die bereits glaubten) dazu aufrufen sich zu entscheiden, ob sie weiterhin Gott folgen oder sich von ihm abwenden wollten (5. Mose 30, 15-20; vergl. ebenso die Konkordienformel, Solida Declaratio, Artikel II Freier Wille und menschliche Mächte, besonders Paragraphen 61-66).

Cur alii, alii non? (Latein für „Warum der eine und nicht der andere?“) Dies ist die harte Nuss der Theologen, das unlösbare Geheimnis Gottes, der will, dass alle Menschen gerettet werden – obwohl manche es nicht werden – und dass das ihre Schuld ist, und nicht Gottes. Aber wenn jemand gerettet wird, ist es allein Gottes Tat!

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Wenn eine Person gerettet wird, ist es ganz das Werk Gottes. Wenn eine Person nicht gerettet wird, ist es ganz die Schuld der Person.

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Dies soll uns trösten! Meine Erlösung hängt nicht von mir ab, von meinen Werken oder von meiner Entscheidung, sondern ich bin gerettet weil Gott mich erwählt hat! Gott hat mich adoptiert; Gott hat mich in der Taufe zu seinem Kind gemacht. Allein aus seiner Gnade bin ich gerettet – Gott sei Dank! (Römer 7, 25; Epheser 5, 20) Wir können unseres Heils ganz gewiss sein, weil unsere Erlösung in Gottes Hand liegt und eben nicht in unserer.

„Wie weiß ich gewiss, dass ich gerettet bin?“ Weil Jesus Christus für meine Sünden gestorben und zu meiner Rechtfertigung auferstanden ist! (Römer 4, 25).


Die Konkordienformel, EPITOME, ARTIKEL II: Vom freien Willen

              Der unwiedergeborne Wille des Menschen ist nicht allein von Gott abgewendet, sondern auch ein Feind Gottes geworden, so dass er nur Lust und Willen hat zum Bösen und was Gott zuwider ist, wie geschrieben steht: „Das Dichten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf“, Genesis 8. Ja, sowenig ein toter Leib sich selbst lebendig machen kann zum leiblichen, irdischen Leben, so wenig kann der Mensch, so durch die Sünde geistlich tot ist, sich selbst zum geistlichen Leben aufrichten; wie geschrieben steht: „Da wir tot waren in Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht“, Epheser 2. Darum wir auch: „aus uns selbst, als aus uns, nicht tüchtig sind, etwas Gutes zu gedenken, sondern das wir tüchtig sind, das ist von Gott“, 2 Korinther 3!

Die Bekehrung aber wirkt Gott der Heilige Geist nicht ohne Mittel, sondern gebraucht dazu die Predigt und das Gehör Gottes Worts, wie geschrieben steht: „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, selig zu machen“, Römer 1. Auch: „Der Glaube kommt aus dem Gehör Gottes Worts“, Römer 10. Und ist Gottes Wille, dass man sein Wort hören und nicht die Ohren verstopfen solle. Bei solchem Wort ist der Heilige Geist gegenwärtig und tut auf die Herzen, dass sie daraus merken und also bekehrt werden allein durch die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes, dessen Werk allein ist die Bekehrung des Menschen. Denn ohne seine Gnade ist unser Wollen und Laufen, unser Pflanzen, Säen und Begießen alles nichts, wenn er nicht das Gedeihen dazu verleiht, wie Christus sagt: „ohne mich vermögt ihr nichts.“ Mit welchen kurzen Worten er dem freien Willen seine Kräfte abspricht und alles der Gnade Gottes zuschreibt, damit sich nicht jemand vor Gott rühmen möchte.       (Paragraphen 3-6)

Pastor Tobias Ahlers, Randburg, JHB (Übersetzung: Präses em. Peter Ahlers, Hillcrest)

 

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