Kann man sich seines Heils gewiss sein?

Interview mit Dr. Martin Luther

(Bischof Hans-Jörg Voigt, SELK)

Die Form eines fiktiven Interviews gibt Martin Luther nicht wirklich authentisch wieder, da die einzelnen Abschnitte nicht in ihren ursprünglichen Zusammenhängen stehen. Dennoch kommt es dabei zu interessanten Neufärbungen. Die Zitate sind gleichwohl sorgfältig und behutsam ins heutige Deutsch gebracht. Doch lesen Sie selbst.

FRAGE: Herr Dr. Luther, wir sind zu einem Gespräch zum Thema Heilsgewissheit und freier Wille verabredet. Ich möchte mit einer sehr zentralen Frage einsteigen: Kann ein Christ sich seines ewigen Heils wirklich gewiss sein?

Martin Luther: „Dies ist unsere Grundlage: Das Evangelium heißt uns nicht unsere guten Werke und unsere Vollkommenheit ansehen, sondern Gott selbst, der die Verheißung gibt, und Christum selbst, unsern Mittler. … Ich hange an Gott, welcher nicht lügen kann. Denn er sagt: Siehe, ich gebe meinen Sohn in den Tod, damit er dich durch sein Blut von Sünden und Tod erlöse. (Legt die Hand auf sein Herz.) Da kann ich nicht zweifeln, es sei denn, ich wollte Gott ganz und gar verleugnen.

Und dies ist die Ursache, dass unsere Theologie gewiss ist, denn sie bringt uns dahin, dass wir nicht auf uns selbst sehen, sondern gründet uns auf das, was außer uns ist, dass wir nicht bauen auf unsere Kräfte, Gewissen, Gefühl, Person und Werke, sondern uns verlassen auf das, was außer uns ist, das heißt, auf die Verheißung und Wahrheit Gottes, welche nicht fehlen kann. …[wir] wissen … fürwahr, dass [wir] von Gott geliebt werden…“  (Auslegung zu Galater 4,6, zitiert nach Walch, 2. Ausgabe, Band 9, Sp. 508-509)

F: Herr Dr. Luther, wir werden selig, nicht durch Gefühl oder Werke, wodurch denn dann genau?

Luther: „Auch dies kann man nicht besser erkennen als aus den … Worten Christi: ‚Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig.‘ Und verstehe es ganz einfach so, dass die Kraft, die Wirkung, der Nutzen, die Frucht und das Ziel der Taufe ist, selig zu machen. Denn man tauft niemand deswegen, damit er ein Fürst werde, sondern, wie die Worte lauten, damit er ‚selig werde‘. Selig werden aber heißt, wie man weiß, nichts anderes als von Sünde, Tod und Teufel erlöst sein, in das Reich Christi kommen und mit ihm ewig leben.“ (GK 4. Hauptstück, 2, 23-25)

F: Herr Luther, können denn Kinder schon glauben?

Luther: „Das Kind tragen wir herzu [zur Taufe] in der Meinung und Hoffnung, dass es glaube, und wir bitten, dass Gott ihm den Glauben geben möge. Aber wir taufen es nicht auf seinen Glauben, sondern allein deswegen, weil Gott es befohlen hat.“ (BSELK S. 1126 GK, 4. HS. 4, 57)

F: Aber, Herr Luther, sie haben doch selbst aus der Bibel zitiert: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig.“ Der Glaube macht doch die Taufe aus?

Luther: Sie drehen mir das Wort im Munde um. „Wenn das Wort Gottes bei dem Wasser ist, so ist die Taufe gültig, auch wenn kein Glaube auf Seiten des Täuflings vorhanden ist. Mein Glaube macht die Taufe nicht gültig, sondern er empfängt die Taufe. Nun wird die Taufe nicht deswegen schon ungültig, wenn sie nicht in rechter Weise empfangen oder gebraucht wird; denn ihre Gültigkeit hängt, wie gesagt, nicht von unserm Glauben ab, sondern von dem Wort Gottes. …  Es verhält sich hier ebenso wie bei denen, die unwürdig zum Sakrament [Abendmahl] gehen, aber dennoch das Sakrament wirklich empfangen, auch wenn sie nicht glauben.“ (GK, 4. HS, 4, 53-54)

F: Dann kann ein Christ also sündigen wie er will, er ist ja getauft?

Luther: Nein, „Gott will nicht, dass wir ein schändliches böses Leben führen; denn er kann es nicht leiden, und es ist verdammt. Führst du aber ein gutes Leben, so willst du auch daran hängen. Das aber will er auch nicht. Darum musst du zusehen, dass du auf der mittleren Steige bleibst, weder zur linken noch zur rechten Seite wankst und ein stilles, fein säuberliches Leben vor der Welt führst, aber dir nichts darauf einbildest. Denn ob ich schlafe oder wache, damit verdiene ich mir nicht den Himmel.“ (WA 17, I. Bd., S. 312b)

F: Was soll ein getaufter Christ dann machen, wenn er gesündigt hat? Müsste er dann nicht erneut getauft werden?

Luther: „Hier siehst du, dass die Taufe mit ihrer Kraft und Deutung auch das dritte Sakrament einschließt, welches man die Buße genannt hat, die eigentlich nichts anders ist, denn die Taufe. …Also ist die Buße nichts anderes, als eine Rückkehr und Hinwendung zur Taufe. “ (BSELK, GK, 4. HS, S. 1130)

F: Ach, das überrascht ja! Man sagt überall, Sie hätten Buße und Beichte abgeschafft?

Luther: „Wenn tausend und abertausend Welten mein wären, so wollte ich alles lieber verlieren, als das geringste Stück der Beichte aus der Kirche kommen lassen. … Denn die Vergebung in der Beichte spricht der Priester an Gottes statt und damit ist sie nichts anderes als Gottes Wort, damit er unser Herz tröstet.“ (WA 30.III. Bd., S. 569)

F: Aber ein bisschen muss doch der Mensch dazutun zu seinem Heil, er muss sich doch wenigsten mit seinem Willen frei für Jesus Christus entscheiden, oder etwa nicht, Herr Luther?

Luther: „Rotterdam“ sag ich da bloß, genauer „Erasmus von Rotterdam“! Mit diesem Professor habe ich schon 1525 einen ausführlichen Streit über den freien Willen gehabt. Ein kluges Haus aber er wollte und konnte mir nicht folgen. Dem Erasmus habe ich das so erklärt: „Nachdem der freie Wille die Freiheit verloren hat, unter die Knechtschaft der Sünde gezwungen worden ist und gar nichts Gutes wollen könne, so kann ich aus diesem Worten nichts anderes entnehmen, als dass der freie Wille ein leeres Wörtchen ist, dessen Inhalt verloren ist.“ (De servo aritrio, 1525: WA 18, S. 600-787, Nach der Übersetzung von Prof. Dr. Martin H. Jung, in: Luther lesen, Göttingen, 2016, S. 130)

F: Das ist jetzt ihre Privatmeinung, das kann man auch anders sehen!

Luther: „Die [Heilige] Schrift aber schildert und den Menschen als einen solchen, der nicht nur gebunden, elend, gefangen, krank und tot ist (Epheser 2,1), sondern der unter dem Einfluss seines Fürsten, des Satans, zu all diesem Jammer auch noch den der Blindheit hinzufügt, indem er sich für frei, glücklich, erlöst, mächtig, gesund und lebendig hält.“ (Luther lesen, S. 131)

F: Warum erlöst dann Gott nicht einfach alle Menschen, wenn es um uns so schlecht steht?

Luther: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1. Timotheus 2,4), da er mit dem Wort des Heils zu allen gekommen ist. Die Schuld liegt an unserem Willen, der ihn nicht aufnimmt, wie Matthäus 23,37 sagt: ‚Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen… und ihr habt nicht gewollt.‘“ (Luther lesen, S. 135)

F: Logisch ist das aber nicht, Herr Dr. Luther….

Luther: „Warum aber jene [göttliche] Majestät diese Schuld unseres Willens nicht aufhebt oder bei allen Menschen ändert – da dies doch nicht in der Gewalt des Menschen liegt – oder warum er dem Menschen diese Schuld zurechnet – obwohl doch der Mensch von ihr nicht frei sein kann –, danach zu fragen steht uns nicht zu.“ (Luther lesen S. 135)

F: Ich muss da noch mal nachfragen, Herr Luther…

Luther (etwas lauter): „Und wenn du noch so viel fragst, wirst du es doch nicht ergründen, wie Paulus Römer 9,20 sagt: ‚Wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?‘“ „Denn so kann ich leicht nachweisen, dass auch ein Stein oder ein Baumstamm einen freien Willen hat, da er sich ja sowohl nach oben als nach unten bewegen kann, aus eigener Kraft allerdings nur nach unten, nach oben aber nur mit fremder Hilfe.“ (Luther lesen, S. 135 und S. 128)

F: Wie steht es um menschliche Willensentscheidungen, wenn es nicht um den Glauben geht, zum Beispiel in Politik und Gesellschaft?

Luther: „Ein gewisses Maß freier Entscheidung kannst du wohl dem Menschen mit Recht zubilligen, aber ihm in göttlichen Dingen einen freien Willen zuzubilligen, das geht zu weit.“ (Luther Lesen, S. 125)

F: Und der Glaube in uns ist ganz das Werk Gottes?

Luther: Ja, „der wahre Glaube aber ist ein göttliches Werk in uns das uns wandelt und neu gebiert aus Gott (Johannes 1,13) und den alten Adam tötet, uns zu ganz anderen Menschen an Herz, Gemüt, Sinn und allen Kräften macht und den Heiligen Geist mit sich bringt. Oh, es ist ein lebendig, wirkend, tätig, mächtig Ding um den Glauben, sodass es unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass Gutes wirken sollte.“

(Vorrede zum Jakobus und- und zum Judasbrief, 1522: WA. DB 7, S. 384-386, Nach der Übertragung von Prof. Dr. Martin H. Jung, in: Luther lesen, Göttingen, 2016, S. 96)

F: Ihre Sicht auf die Willensfreiheit klingt erstaunlich ähnlich dem, was moderne Hirnforscher sagen. Wie finden Sie das?

Luther: Davon verstehe ich nichts! „Wir sollen Gottes Wort mit Furcht hören und in Demut umgehen damit, nicht aber nach unserem Gutdünken darüber herfallen … Denn es ist mit Gottes Wort nicht zu scherzen. Kannst du es nicht versehen, so zeihe den Hut vor ihm.“ (WA, 20. Bd., S. 571b)

F: Herr Professor Dr. Luther, wir danken Ihnen, dass Sie uns Ihre Worte ausgeliehen haben.

Die Fragen stellte Bischof Hans-Jörg Voigt (SELK). (Abgedruckt mit Genehmigung.)

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