Vortrag: Entscheidungen treffen und mit ihnen leben – Teil II

3.2. Gottes Wille

Dennoch und gerade aufgrund der vielfältigen Worte Gottes in der Heiligen Schrift fragen glaubende Menschen vor Entscheidungen, was Gott von ihnen will.

Früher und teilweise bis heute stellte man die Frage auch deshalb, weil man fürchtete, schuldig zu werden, wenn man nicht nach seinem Willen handelte. Dabei ist eben nicht immer gleich deutlich, was Gott konkret für mich in meiner Situation will.

Heute stellen wir Christen die Frage nach Gottes Willen eher, weil wir glauben, dass Gott nur das Beste für uns will.[2]

So fragt ein Arzt zum Beispiel, ob Gott etwas anderes von ihm will als er selbst. Es wird ihm eine gute Stelle angeboten, aber zugleich wird er eingeladen, für einige Jahre an einem Hilfsprojekt in einem Krisengebiet mitzuarbeiten, jedoch unter schwierigen Bedingungen.[3] Der Arzt will nicht dorthin gehen, aber zweifelt: Könnte es sein, dass Gott es will? Und wenn Gott es wollte, muss ich ihm folgen? Und was geschieht, wenn ich nicht gehorche? Das sind spannende Fragen.

Bei ihnen geht es letztlich auch um die Frage, ob Gott einen für jeden einzelnen Menschen gerichteten ‚Willen‘ habe und deshalb von uns genau diesen Weg will und andere nicht.

Die Hoffnung, dass Gott ein klares Zeichen geben wird, ist verständlich. So suchen wir Sicherheit in einer unsicheren Situation oder möchten uns vor Fehler bewahren.

Ich denke, es kommt nicht so sehr darauf an, auf spektakuläre Zeichen zu warten.

Man könnte es auch so sagen:

Gottes Sprache ist leise, nicht zwingend. Deshalb geht es wohl eher darum, aufmerksam zu leben und auf „Zeichen“ zu achten, die Gott in unserem „normalen“ Lebensalltag versteckt hält.[4]

Um sie wahrzunehmen, braucht es nicht nur offene Augen und Ohren, sondern eine innere Offenheit, in der wir auf innere Stimmen und Regungen hören, wie zum Beispiel Angst und Freude, Traurigkeit und Mut, Ärger und Frieden, Unruhe und Gelassenheit.[5]

Als eine Grundregel zum Erkennen des Willens Gottes für den eigenen Weg wird von christlichen Lebensbegleitern folgendermaßen formuliert:

„Was dir auf Dauer tiefe Freude, Frieden, Freiheit, Liebe und innere Stimmigkeit bringt, das ist eine gute Wegspur. Wer diesen Impulsen folgt – auch gegen manche Widerstände – der darf sich von Gott geführt wissen.“[6]

3.3. Leitsätze, die Orientierung geben können

Manche Ratlosigkeit bleibt, trotzdem man sich um Antworten bemüht. Und wenn das so ist, heißt es, einen Weg zu finden, mit genau dieser Ratlosigkeit umgehen zu lernen.

Deshalb können die nun folgenden kurzen Sätze nur eine kleine Orientierung sein:

  1. Nimm die Wirklichkeit wahr, wie sie ist. Es geht um ein Innehalten und darum, wahrzunehmen, was mich bewegt, irritiert, ärgert oder freut, wenn ich an eine bevorstehende Entscheidung denke.
  2. Überstürze deine Entscheidung nicht, aber verschleppe sie auch nicht. Entscheidungen wollen reifen.
  3. Versuche zu klären, welches Gewicht die vor dir liegende Entscheidung hat. Wieweit habe ich die Möglichkeit, im Fall einer Fehlentscheidung, diese zu korrigieren?
  4. Öffne deine Ideen dem kritischen Blick vertrauenswürdiger Menschen.
  5. Wähle nicht und entscheide nicht, wenn du in einer Krise bist.
  6. Stehe zu deinen Grenzen und beachte sie.

Suche nicht das Kreuz, aber sei aus Liebe bereit, es anzunehmen, wenn es sein muss.

Manche Christen denken, dass der schwerere Weg und verzichtsvollere Weg Gottes Weg ist. Das kann sein. Aber ist das Kreuz ein Kriterium bei Entscheidungen? Nein. Man soll das Kreuz nicht wählen. Verzicht und Schmerz soll man nicht wählen, denn sie sind keine Werte. Auch Jesus im Garten Gethsemane bittet seinen Vater, dass das Leiden an ihm vorübergeht.

  1. Betrauere deine nicht gewählten Möglichkeiten und verpassten Chancen. Dein Leben ist ein Weg des Loslassens und des Sterbens.
  2. Jesus selbst sei für dich Norm, Urbild und Gestalt deiner Entscheidungen. Es gibt den so missverständlichen Appell: Was würde Jesus tun? Ich weiß, dass damit auch viel Falsches und Gesetzliches gesagt wird. Aber sich am Geist Jesu, an seine Liebe und Treue zu halten und ein stückweit davon zu lernen, ist unbedingt richtig aus meiner Sicht.
  3. Bei jeder Entscheidung kommt es darauf an, das Risiko auf sich zu nehmen und loszulassen und zu „springen“. Dein Vertrauen in Gott wird dir dabei helfen.

3.4 Lutherische Spiritualität

Weiterhin hilft mir die eigene evangelisch- lutherische Spiritualität.

3.4.1 Hören und Vertrauen

Meine eigene Frömmigkeit ist geprägt vom Hören auf das Wort Gottes. Dabei ist das Wort Gottes nicht auf den Gottesdienst begrenzt, sondern findet immer wieder zu mir in verschiedenen Gestalten und Formen. Lutherische Spiritualität ist eine hörende Spiritualität. Evangelisches Christsein findet vor allem auch für das eigene Leben Trost und Orientierung im Wort Gottes.

Deshalb sind folgende Fragen hilfreich:

Was sagt Gottes Wort und kann ich ein Wort, eine Erzählung, einen Gedanken der Heiligen Schrift auf meinen Weg beziehen?

Geht mir ein Wort Gottes nach und regt es mich an, weiter zu denken?

Gibt es eine Zusage Gottes, die mir hilft, in aller Unsicherheit zu vertrauen und auch Wege zu gehen, die mir fremd sind? Gottes Zusagen können wie ein schützender Raum werden, in dem ich zur Ruhe komme und meine Unsicherheiten und auch Ängste besser aushalte. Wenn Gott mir zusagt: „Fürchte dich nicht…“ entfaltet diese Zusage eine innere Kraft.

Gerade evangelische Frömmigkeit vertraut darauf, dass Gottes Wort in uns Gutes entstehen lässt.

Man kann das Wort Gottes auch mit einer Arznei für unsere Seele vergleichen. Arznei schmeckt mir nicht immer gut, aber sie hat heilende Kraft. Manchmal ist es so, dass Gott mir ausgerechnet das sagen möchte, was ich nicht so gerne höre. Auch das ist möglich.[7] Aber Gott hat nicht das Ziel, uns fallen und liegen zu lassen. Diese Zusage finde ich in der Liebesgeschichte Gottes zu uns Menschen. Wenn ich nach Gottes Willen für mein Leben frage, denke ich, dass Gott es nie darauf anlegen wird, mich zu entmutigen.

„Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jesaja 42,3). Etwas zugespitzt aber doch sehr deutlich lautet ein seelsorgerlicher Gedanke: „Das Wort, das mir den letzten Funken Mut und Hoffnung nimmt, ist schwerlich das Wort Gottes, auch wenn es noch so heilig klingt und an heiliger Stätte gepredigt wird.“[8]

3.4.2  Leben mit Liedern und im Gebet

Im Untertitel habe ich Paul Gerhards Lied aufgenommen.

„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winde gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“[9]

Die Choräle vor allem vergangener Zeiten seit der Reformation Martin Luthers sind eine geistliche Quelle gerade in Entscheidungssituationen, auch wenn wir das vielleicht gar nicht so bewusst wahrnehmen.

So lautet der zweite Vers des Liedes:

„Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, dass dich bekümmert hat.“

Spannend ist in vielen Chorälen des Gesangbuchs, dass von Gott alles erwartet wird. Er ist es, der den Himmel lenkt, er ist es, dessen Werk niemand hindern kann, er ist es, der im Regimente sitzt.

Deshalb kommt die Aufforderung:

Lass ihn, deinen Gott, tun und walten. Lass ihn dein Herz lösen von der Last. Lass ihn das Ende machen in dem Vertrauen auf seine Pflege und Treue.

Paul Gerhardt tröstet sich mit dem Gedanken der Macht Gottes auch über sein konkretes Leben und seine Trauer. In allem weiß er sich in der gnädigen Hand Gottes geborgen, auch wenn so viel dagegenspricht. Und so ist gerade dieses Lied auch Verkündigung und Auslegung von Psalm 37,5: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.”

Das Lied ist somit alles zugleich, Bitte, Klage, Predigt und Verkündigung, und ein Gebet des Vertrauens. Im Lied und im Singen und Hören des Liedes entsteht etwas Neues: Vertrauen und Hoffnung auf Gott und damit ein wichtiger Schritt, mit dem Leben und Entscheidungen zurecht zu kommen.

Ich denke, es geht darum im Glauben diese fruchtbare Spannung zu halten: Einerseits bin ich ganz verantwortlich für meine Entscheidungen und Wege und soll sie gehen. Und andererseits bin ich ganz auf Gott und seine Hilfe angewiesen.

3.4.3       Wir sind nicht zum Erfolg verdammt….

Nach solch einem Vortrag zum Thema Entscheidungen könnte ein verständlicher Impuls sein, nun alles richtig machen zu wollen. Ich will es können und erfolgreich sein – auch in meinen Entscheidungen.

Lutherische Frömmigkeit unterscheidet vehement zwischen der Person und dem Werk, der Leistung, dem Können.

Wir sind befreit davon, einem Ideal hinterherlaufen zu müssen. Nie gedeiht das Übel besser, als wenn ein Ideal davorsteht. Wir Menschen sind nie vollständig, sondern immer auch „Fragmente unserer selbst“.[10]

Ja – wir sind „gleichsam Ruinen unserer Vergangenheit, Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso aufgrund zugefügter Verletzungen und erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen.“[11]

Das klingt heftig, aber es befreit zu dem, was und wer wir wirklich sind. Menschen, die nicht perfekt sind und die es dringend brauchen, nicht durch unsere Leistung definiert zu werden.

Die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade befreit von einem Denken, dass wir uns als Menschen vor uns selbst, vor anderen und vor Gott beweisen müssen. Keines unserer Werke und Leistungen ist vollkommen.

Genau dieses Bewusstsein macht auch selbstkritisch:

Ein Christ wird sich nicht auf die Schulter klopfen und stolz werden, sondern dankbar sein, wenn ihm etwas gelungen ist. Und wenn ich wieder stolz werde auf meinen Lebensweg und meine Entscheidungen, dann wird deutlich, dass wir uns von anderen Menschen nicht so unterscheiden, besser zu sein, sondern so, dass wir wissen, nicht besser zu sein.[12] Aber dieses Wissen darum, dass mich meine eigenen Grenzen und Fehler nicht von Gott trennen, der den Sünder liebt, kann helfen, etwas die Angst vor Fehlern zu reduzieren.

  1. Schlusswort

Ich hoffe, dass der Vortrag auch Lust gemacht hat, Entscheidungen zu treffen. Denn oft gilt: Grübeln und sich alle Optionen offen zu halten, führt oft in einer Sackgasse. Fehler machen bringt uns oft weiter als abzuwarten.

Ich wünsche euch und Ihnen etwas Freude und Entdeckergeist, den eigenen Entscheidungen auf die Spur zu kommen und sie dann auch zu fällen.

Ich vertraue darauf, dass unser Leben bei Gott in guten Händen ist und Gott es ist, der auf krummen Linien immer noch gerade schreiben kann. Man denke nur an Josef und seine Familie.

Wenn Ihnen dieser verkürzte Vortrag zur Entscheidungsfindung gefallen hat, können Sie auch die Vollversion des Vortrags auf der Website der FELSISA  lesen unter: www.felsisa.org.za

Propst Manfred Holst (SELK)[1]


[1] Der Vortrag wurde ursprünglich als Gemeindevortrag im Rahmen des Wilhelm-Löhe-Seminars am 25.02.2021, Diakonissenwerk Korbach als digitaler Vortrag gehalten und von Pastor Rüdiger Gevers für die BLK gekürzt. Der erste Teil ist in der vorigen Ausgabe der BLK erschienen. Hier folgt nun der zweite Teil des Vortrags.

[2] Kiechle, Stefan, Sich entscheiden. Ignatianische Impulse, 2020, 16f

[3] Vgl. a.a.O., 16

[4] Vgl. Ackermann, Stephan, Weihbischof, Wie hilft Gott bei Lebensentscheidungen?, in: Beitrag für die Sendung „Spurensuche“ in Radio Horeb am 15.10.2007 ohne Seitenangabe.

[5] ebd.

[6] Ebd. So W.Lambert, Die Kunst der Kommunikation, Freiburg, 1997, 97

[7] Deichgräber, Reinhard, Gottes Willen erkennen und tun, Gießen 1999, 48

[8] Ebd.

[9] ELKG, 294

[10] Vgl. dazu: Klessmann, Michael, Pfarrbiilder im Wandel. Ein Beruf im Umbruch, 82

[11] Luther, Henning, Identität und Fragment, in: Religion und Alltag, Stuttgart 1992, 168  zitiert nach Klessmann, Michael, Pfarrbiilder im Wandel. Ein Beruf im Umbruch, 82-83

[12] Lexutt, Athina, Luther, Köln, 2008, 108

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