Feuer Auf Golgatha

Am Montag den 15. April 2019 brannte die Kathedrale von Notre Dame in Paris. In seiner Predigt am Karfreitag wenige Tage später, benutzte Pastor Roland Johannes dieses Bild als Erklärung für die Ereignisse auf Golgatha.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. (Johannes 19,25-27)

 Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

am vergangenen Montag sah ich mit Entsetzen, wie eine der schönsten und berühmtesten Kathedralen der Welt in Flammen aufging. Als jemand mit großem Interesse an gotischer Architektur verfolgte ich ängstlich auf meinem Computerbildschirm das Ereignis via Livestream. Die Kathedrale von Notre Dame in Paris ist eines der besten Beispiele gotischer Architektur, und seit ich sie das erste Mal 1996 besuchte, lässt mich die einmalige Schönheit dieses Gebäudes nicht mehr los.

Montag war eine Katastrophe! Die unglaublichen Rosettenfenster, die einmalige mittelalterliche Glasarbeit, die prächtigen Skulpturen, die hervorragende Pfeifenorgel – sie liefen alle Gefahr, für immer zerstört zu werden. Es sah nicht gut aus, da sich das Feuer im Nu im 800-Jahre alten Holzdachstuhl ausbreitete und die Gefahr zusammenbrechender Gewölbe bestand.

Was mich schockierte, war die Tatsache, dass ich nicht wegschauen konnte. Obwohl mich das Verfolgen des Geschehens schmerzte, konnte ich einfach nicht weggucken. Ich konnte meinen Computer nicht ausschalten. Ich musste sehen, was passiert – bis in die späte Nacht hinein. Ich kämpfte mit Emotionen wie Hilflosigkeit, Traurigkeit, Schock, Unglauben und Faszination.

Ähnliche Szenen auf Golgatha. Sicherlich stand dort keine 800-Jahre alte Kathedrale in Flammen! Jedoch wurde hier ein anderer Tempel zerstört. Etwas viel Schwerwiegenderes, viel Beachtenswerteres, viel Ernsthafteres ging hier vor: Der Sohn Gottes selbst hing am Kreuz und starb den schmachvollen Tod eines Sünders. Nicht durch Feuer verbrannt, sondern durch den Zorn Gottes.

So, wie ich am Montag nicht wegschauen konnte, verfolgen hier der Jünger Johannes, Maria und einige andere fassungslos das Geschehen. Für mich scheint es so, als können auch sie nicht wegsehen. Es ist, als ob sie einfach sehen müssen, was passiert, obwohl das Geschehen vor ihren Augen schmerzhaft ist.

Ich stelle mir vor, wie sie in einiger Distanz – nicht zu nahe dran aus Angst vor den Soldaten – aber doch nah genug, sodass sie sehen können, was passiert – das Geschehen verfolgen. Ich kann Johannes’ Gefühle von Scham und Schuld nachempfinden – nur wenige Stunden vorher hat er zusammen mit allen anderen Jüngern Jesus im Angesicht von Verfolgung und Tod jämmerlich alleingelassen. (Respekt, dass er überhaupt hierhergekommen ist; dass er den Mut hatte, sich hier blicken zu lassen. Die anderen 11 haben es nicht so weit geschafft!)

Während er nun dort steht, geschieht etwas Erstaunliches. Johannes ist der einzige der vier Evangelisten, der davon berichtet. Er steht, zusammen mit Maria und den anderen Frauen abseits, in sicherer Entfernung sozusagen. Jesus sieht sie aber. Trotz alledem, Jesus sieht sie! Und dann zeigt er, wie unermesslich groß seine Liebe für uns arme Menschen ist!

Man muss wissen, dass in alten Zeiten Maria nun schutzlos gewesen wäre. Ihr Ehemann Joseph ist tot, und als eine alleinstehende Frau hat sie keinerlei Rechte. Sie braucht einen Mann als ihren Fürsprecher. Bis jetzt war Jesus dieser Fürsprecher. Aber er sollte bald sterben, und er wollte nun für Ersatz sorgen. Er wollte sicher sein, dass für sie gesorgt ist.

Wenn es mir schlecht geht, dann denke ich gewöhnlich nur an mich! Wenn ich leide, dreht sich alles um mich. Mein Schmerz, mein Verlust, meine Misere, das mangelnde Mitgefühl und Aufmerksamkeit der Anderen, mein verletztes Ego…

Hier aber nicht. Inmitten der schlimmsten Qualen, die man sich vorstellen kann, denkt Jesus nicht an sich, sondern an andere. Ihr Lieben, diese Szene am Kreuz, die Johannes uns hier beschreibt, weißt genau auf das hin, was Jesus dort für uns alle tut: er hält Ausschau nach uns, er sieht unsere Not, er sorgt für uns! Wir sehen hier im Kleinen, was er für die gesamte Menschheit tut. Er sorgt für seine Mutter und für ihre Sicherheit. Das Gleiche tut er auch für dich.

Klar, manchmal kommt es einem so vor, als stünde alles in Flammen, als ob das Gerüst deines Lebens in Gefahr sei, als ob die Gewölbe einstürzen würden. Aber Jesus ist da, er hält Ausschau nach dir, er sorgt für dich. Er ist da, um dir Hilfe und Schutz zu sein.

In den frühen Morgenstunden am Dienstag, als das Feuer mehr oder weniger unter Kontrolle war, wagte sich einer der Pariser Feuerwehrmänner ins Innere der Kathedrale, und er machte dieses Bild:

Ringsherum Zerstörung, rau-chende Schuttberge, Dunkelheit…. Aber im Hintergrund scheint trotz allem das große goldene Kreuz auf dem Altar hell auf. Trotz alledem ist das Kreuz da – unbeweglich, standhaft, unerschütterlich!

Egal wie die Zerstörung und Verwüstung in deinem Leben aussehen, Christus ist da! Egal wie klein oder groß das Feuer auch scheinen mag, sein Kreuz steht unbeweglich. Und im Gegensatz zur Kathedrale von Notre Dame, deren Wiederaufbau Jahre dauern wird, wird der Tempel des Leibes Christi in nur drei Tagen wiederauferstehen, genau so wie er es vorhergesagt hat. Wiederhergestellt in all seiner Herrlichkeit. Und genau wie Christus wiederhergestellt wurde, so wirst auch du am Letzten Tag wiederhergestellt werden!

Schaue heute auf das. Halte dich daran fest – egal was kommt. Amen.

Pastor Roland Johannes, Wartburg

 

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